Freitag, 22. März 2013

Vietnam - das Fazit



Der goldene Stern vor dem roten Hintergrund scheint einem in diesem Land zur Begrüßung und zum Abschied entgegen. Die Sozialistische Republik Vietnam ist ein unabhängiger Einparteienstaat, der uns automatisch an kommunistische Ideale und Krieg denken lässt. Doch beides spielt im industrialisierten und mopedbetriebenen Alltag der 92 Mio. Einwohner kaum eine Rolle mehr. Wir haben ein Land gesehen, dass uns in den Städten (über)fordert und auf dem Land erstaunt. Wie immer sind es die Menschen, mit ihrer tragischen und wechselhaften Geschichte der letzten Jahrzehnte, die uns in Erinnerung bleiben werden. Die vierte Station unserer Reise ist vorbei.


Hier unser Vietnam in 10 Stichpunkten:

Geschwindigkeit statt Langsamkeit. Die Straßen sind bevölkert von Mopeds, die von Vietnamesen mit Mundschutz gefahren werden und Abgase produzieren, die das Atmen erschweren. Diese Hektik des dichten Verkehrs trifft so manchen Reisenden unvorbereitet.


Jeder, der nach Vietnam kommt, wird zum Suppenesser. So auch wir. Die Pho ist das wahre Nationalsymbol.


Vietnam (ist) Krieg. Der Küstenstaat ist traurigerweise namensgebend für den berühmtesten militärischen Konflikt der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, der ein Sinnbild für das Scheitern einer Supermacht wurde. Vor dem Hintergrund einer weltweiten Protestbewegung wurden Bilder amerikanischer Greueltaten veröffentlicht und Begriffe wie Napalm und Agent Orange zu Synonymen grausamer Kriegsführung. Es ist das vielleicht dunkelste Kapitel vietnamesischer Geschichte, dessen kritische Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen ist.


Für uns war Vietnam Zugfahren. Die 1650km von Norden nach Süden lassen sich am komfortabelsten in einem der vielen Schlafwagen bei einem heißen Instant-Nudelgericht zurücklegen. Wir sind zwar nur langsam vorangekommen, dafür aber vergleichsweise sicher und pünktlich.


Das Land ist härter, rauer und aufdringlicher als der Rest Südostasiens (nirgendwo sonst waren wir Indien wieder so nah). Die vietnamesische Freundlichkeit erschließt sich zumeist nur auf den zweiten Blick. Wer nur einmal hinschaut, dem bleibt sie verborgen.


Uns war heiß. Besonders in den Städten. Die durch die Abgase gefangene luftfeuchte Hitze erschwerte jeden Schritt. Was wir besonders in Vietnam wahrgenommen haben, ist natürlich auch der fortgeschrittenen Reisezeit geschuldet.


Vietnam ist ohne Ho Chi Minh nicht denkbar. Nicht ohne seine Verdienste für ein geeintes Land, nicht ohne seinen mörderischen Guerillakrieg, nicht ohne den Personenkult, der ihn zum Gegenstand hat und nicht ohne sein Antlitz, das jeden Reisenden, wohin er auch geht, begleitet.


Was uns während unserer Zeit in diesem Land begleitete, war ein Verlangen nach zu Hause und Gewohnheit. Ein Gefühl, nicht stark aber allgegenwärtig, das vielleicht nicht so sehr durch Vietnam als vielmehr durch die knapp 80 Tage auf Reisen hervorgerufen wurde. In unser Vietnamfazit gehört es trotzdem.


Ein Weniger an Religiosität. Was in den anderen Staaten Südostasiens orange geleuchtet oder nach Räucherstäbchen gerochen hat, ist in Vietnam nicht mehr sichtbar. Mit Sicherheit eine Folge sozialistischer Herrschaft, die das Land für atheistisch erklärt, kirchliche Gebäude geschlossen und religiöse Führer verfolgt hat. Geblieben ist aber über alle religiöse Grenzen hinweg der vietnamesische Ahnenkult, der in jedem Hausaltar die letzten fünf Generationen ehrt.


An was wir uns erinnern werden: die Verkäufer mit ihren Lautsprechern an den Mopeds, aus denen monotone Werbung für ihre Produkte über die Straßen dröhnt und die sich bis in die nächtlichen Träume schleicht.


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